gzeiten

Ebbe im Kopf, Flut im Blog.

100 Prozent deren Spiel

Der Film startet mit einem bunten Fahnenteich, das Bayer-Kreuz wird neben dem 96-Logo geschwungen, im Hintergrund kann man das Schwarz-Gelb der Borussia aus Dortmund ausmachen. Es wird in die Hände geklatscht, dann der Schnitt auf das Spielfeld. Szenen, die wahrscheinlich unter dem Schlagwort „Faszination Fußballbundesliga“ zusammengestellt wurden, werden aneinandergereiht. Zweikampf, Torschuss, Latte!, Stöhnen im Fanblock. Alles unterlegt mit einer generischen, weichgespülten Dubstep-Musik, mit der sich wohl kaum ein Auto verkaufen lassen würde. Aber hier soll ja auch nichts verkauft werden, hier geht es um ein Herzensanliegen der TV-Sender.

Es sind Szenen aus einem Filmtrailer zur Initiative „100 Prozent das Spiel — 0 Prozent Gewalt“. Hinter dieser Initiative stehen die TV-Partner der Bundesliga, das sind ARD, ZDF, SKY, LIGA! Total und SPORT1. Zur Erinnerung: Darunter sind Sender, in denen TV-Moderatoren, die ihren Zenit überschritten haben, Kaufhauspuppen abfackeln, bei deren Talks Ultras gerne mal mit den Taliban verglichen werden und Marijke Armado und Oliver Pocher als Experten für Fankultur zu Wort kommen. Kurz: Sender, deren Berichterstattung zum Thema Gewalt im Fußball in der jüngeren Vergangenheit nicht unbedingt zu einem gewissenhaften Umgang mit der Problematik geführt haben.

Aber hier geht es um ein wichtiges Anliegen, nämlich um das Kulturgut Fußball und seinen integralen Bestandteil Fankultur, da wollen wir mal nicht so sein und räumen den Sendern eine neue Chance ein. Ein sachlicher Umgang mit dem Thema ist schließlich dringend nötig. Nicht, weil der deutsche Profifußball in Fangewalt erstickt, sondern vielmehr, weil die Berichterstattung bisher diesen Eindruck erweckte und zu Konsequenzen zu führen droht, welche die hiesige Fankultur gefährden.

Und so darf man die erste Sendung der Initiative, einen Talk auf PHOENIX unter dem Motto „Wem gehört der Fußball„, durchaus als Schritt in die richtige Richtung auffassen. Zwar bot die Sendung wenig bis gar nichts Neues und war für den mit dem Thema vertrauten Beobachter vor allem langweilig. Die Belange der Fans wurden aber durch den „ProFans“-Sprecher Philipp Markhardt und 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster gleichberechtigt vertreten. Da gab es in der Vergangenheit ganz andere Gesprächsrunden, in denen Medienprofis und Scharfmacher die Sendezeit für sich vereinnahmten. Man darf gespannt sein, wie es am heutigen Sonnabend im Aktuellen Sportstudio mit diesem Thema weitergeht.

Ein belächelnswertes Imagefilmchen

Umso bedauernswerter ist es, dass der Trailer der Initiative ein belächelnswertes Imagefilmchen geworden ist. Als Aushängeschild der Initative — immerhin wird der Film zu prominenten Zeiten, wie etwa in der Halbzeit der Liveübertragung Schalke gegen Hannover, gesendet — wird hiermit die Chance verpasst, einen symbolischen Schritt auf die Fans zuzumachen, die Woche für Woche den eigenen Verein auch auswärts unterstützen und einen entscheidenden Teil zur Faszination des Bundesligafußballs beitragen.

Im Film werden drei Slogans präsentiert, bevor er mit dem Motto der Kampagne, „100% das Spiel — 0 Prozent Gewalt“, endet. Gleich der erste dieser drei Slogans ist ein schwerwiegender taktischer Fehler. Er lautet: „0% Rauchentwicklung“. Mit dem Slogan wird Bezug genommen auf die seit langem geführte Debatte über den Einsatz von Pyrotechnik im Stadion. So abgebrannt dieses Argument auch inzwischen ist, aber: Der Einsatz von Pyrotechnik hat für sich genommen erst einmal wenig mit Gewalt zu tun. Es gibt zweifelsfrei genügend gute Gründe, die für ein Verbot von Pyrotechnik in Fußballstadien sprechen. Wer allerdings eine Initiative gegen Gewalt im Fußball starten will und dann als erstes auf das Thema Pyrotechnik zu sprechen kommt, das eine also zumindest symbolisch mit dem anderen gleichsetzt, der verspielt frühzeitig und leichtfertig die Chance, von den organisierten Fans überhaupt angehört zu werden.

Aber wenn man sich die fiktiven Tribünen des Films einmal anguckt, drängt sich ohnehin der Eindruck auf, dass es hier weniger um Ultras und organisierte Fans geht. Statt Doppelhalter und Megafon sind die Zuschauer mit Fanshop-Fähnchen und der aktuellen Trikot-Kollektion ausgestattet. Applaudierer von der Stange statt kreativ-kritische Supporter scheint hier das Ideal zu sein, dass den TV-Machern vorschwebt. Die machen dann brav zwei, drei Mal die Laola-Welle und kaufen sich in der Halbzeit noch ´ne schöne Stadionwurst.

Überhaupt, die Wurst. An diesem Punkt des Videos wären wir beim zweiten Slogan angelangt: „0% Schlagstock“. Über die zugehörige Text-Bild-Schere stolperte bereits Nicole Selmer bei publikative.org:

Am Imbiss beißt ein männlicher Fan krachend in eine Bratwurst, dazu liest man „0 % Schlagstock“. Schlagstöcke zu Bratwürsten? Ist das ein Statement gegen Polizeigewalt oder Werbung für die Hoeneßsche Wurstfabrik?

Wie ist das zu verstehen? Der Schlagstock würde verschwinden, wenn die Fans nur alle zu glücklich-friedlichen Bratwurstkonsumenten würden? Müssen wir nur die naturgegebene Reiz-Reaktionskette von Fanausschreitungen und gerechtfertigtem Schlagstockeinsatz durchbrechen? Die andere Variante, dass es sich hier um Kritik an der Einsatztaktik der Polizei bei Fußballspielen handelt, erscheint doch etwas abwegig.

Neben Rauchentwicklung und Schlagstöcken möchte man in Zukunft auch bitte „0% Angst“ haben. Dabei fällt mir spontan ein Tweet aus meiner Timeline ein (von dem ich leider nicht mehr weiß, von wem er stammte). Sinngemäß zitiert: „Wenn ich ins Stadion gehe, habe ich immer Angst — Angst vorm Gegentor.“ Wie viel Angst man denn sonst, abgesehen von dieser sehr naheliegenden Furcht, beim Stadionbesuch haben sollte, scheint derweil unklar. Bei der Aktion „Ich fühl´mich sicher“ outeten sich immerhin bisher rund 75 000 Menschen als angstfreie Stadionbesucher.

Ein vermarktbares Spiel

Rauchentwicklung, Schlagstock und Angst möchten die Bundesliga-TV-Sender also in Zukunft aus dem Stadion verbannt wissen. Ich unterstelle mal, dass jeder vernünftige Fan den Punkt „0% Gewalt“ unterschreiben würde. Die Begriffstrias „Rauchentwicklung, Schlagstock und Angst“ wird hier aber wohl eher zu Kopfschütteln und Stirnrunzeln führen. Und das nicht, weil sich Fans Bengalos, Polizeieinsätze und Furcht in den Kurven wünschen, sondern weil hier mal wieder plakative Durchmischung sowie eine suggestive Darstellung einer falschen Stadionrealität stattfindet.

Rundet man das mit dem Fan- und Stadionbild ab, welches der Trailer als Alternative präsentiert, so wird schnell klar, welches Spiel sich die Bundesliga-Sender wünschen: ein zu 100 Prozent vermarktbares Spiel. Bunt und stimmungsvoll, aber bitte sauber und geordnet. Es ist nicht das Spiel der aktiven Fanszene, die soll doch bitte nicht die durchkalkulierten Übertragungszeiten mit dem Werfen von Papierschlangen stören. Ein bisschen klatschen und Fähnchen schwingen reicht doch auch. Insofern ist es nur konsequent, dass der Trailer wie jeder andere Bundesliga-Werbespot daherkommt, geht es doch vor allem um das Produkt Bundesligafußball. Bleibt zu hoffen, dass die zukünftige Berichterstattung zu Stadionsicherheit und Fankultur sich nicht wieder dem Niveau des Werbefilms annähert. Dann muss es wieder um das Spiel der Fans gehen, nicht um das Spiel der Sender.

Gzeiten

Frohes neues Jahr! mndfckd ist jetzt Gzeiten. Für mehr Flut im bloG, trotz Ebbe im Kopf.

Spiel mit dem Pad bis zum Tod

Ein Artikel über Limbo? Ist das nicht ein wenig spät? Ja, ist es, immerhin feierte der Titel im Sommer 2010 sein Debüt auf XBox Live Arcade. Und auch Playstation-Jünger wie ich kommen schon länger in den Genuss des Spiels. Doch Sony setzt mit seiner Entscheidung, Limbo im Dezember in seine Instant Game Collection aufzunehmen und den Playstation Plus Membern damit kostenlos zum Download anzubieten, den Titel wieder auf die Liste der tagesaktuellen Themen. Daher hier ein Aufruf an alle, die bisher nicht in den Limbus hinabgestiegen sind: runterladen, abtauchen, sterben, verzaubern lassen!

Mit dem Tod in Videospielen ist das ja immer so eine Sache. Das spielerische Ableben jagt dem heutigen Gamer meist keine Angst mehr ein, tun die Entwicklerinnen doch alles dafür, die Kundschaft auch ja bei der Stange zu halten. Level voller Wiedereinstiegspunkte und „Game Over“ als Fremdwort nehmen dem digitalen Sensenmann jeglichen Schrecken. Auch im Indie-Hit Limbo kommt der Tod nie unfair daher, spielt aber dennoch eine zentrale Rolle.

Rock'n'Roll-Tod: Vom Rolling Stone erschlagen

Rock’n’Roll-Tod: Vom Rolling Stone erschlagen. 
(Quelle: limbogame.org)

Spielst du noch, oder stirbst du schon? Im Puzzle-Plattformer Limbo trifft beides zu. Die Entwickler der Kopenhagener Indie-Schmiede Playdead haben genug Fallen eingebaut, um auch die vorsichtigste Spielerin hineintappen zu lassen. Die steuert in Limbo einen kleinen Jungen auf seinem Weg durch eine feindselige Welt. Gefahren lauern hier in vielen verschiedenen Formen: versteckte Bärenfallen, tödliche Abgründe oder eine übergroße Spinne sind nur einige der Dinge, die dem namenlosen Protagonisten einen grausigen Tod bereiten.

Und dieser grausige Tod wird dabei ästhetisch eindrucksvoll in Szene gesetzt. Die in Graustufen gehaltene, grafisch minimalistische Welt Limbos erinnert mitunter an Schattenspiele, wodurch die explizite Gewaltdarstellung einen kunstvollen Anstrich bekommt – ohne jedoch an Eindruckskraft einzubüßen. Es ist zwar nur eine Silhouette, der hier gerade von der Bärenfalle der Kopf abgetrennt wird, dennoch muss bei den Sterbeanimationen anfänglich auch die härteste Zockerin erst einmal schlucken. Der Grund dafür liegt mit einiger Wahrscheinlichkeit in der Tatsache, wessen Silhouette hier künstlerisch Wertvoll zerteilt wird: die eines Kindes.

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Ich bin mir ja nicht sicher, ob Suizid als Ausweg aus der Vorhölle funktioniert… (Quelle: limbogame.org)

Und so ist die morbide Welt Limbos auch weit von anderen Unterwelten der Popkultur – etwa der knuffigen Welt Tim Burtons – entfernt. Stellt sich die Frage, warum der Gamer dennoch in diese vermeintlich lebensfeindliche Welt eintauchen sollte? Neben der spielmechanischen Antwort, dass es sich bei Limbo um einen gelungen Rätselplattformer handelt, der nicht zuletzt aufgrund der kurzen Spieldauer ein rundes Spielerlebnis bietet, vermag vor allem die betörende Wirkung der Spielwelt die Spielerin zu fesseln. Limbo ist eine melancholische Reise voll leiser Töne, die trotz des immer präsenten Leitmotivs – dem Tod – mehr Traum denn Albtraum ist. Die schaurig schöne Tristesse des Limbus setzt dabei einen wohltuenden Kontrapunkt zu den auf epischen Bombast getrimmten Spielwelten der heutigen Triple-A-Titel. Ein Abstieg in diese Spielwelt, und möge sie auch mit dem Tod enden, lohnt sich also allemal.

Limbo ist erhältlich für Xbox 360, PC/Mac und Playstation 3 (seit Dezember für PS+ Nutzer kostenlos als Teil der Instant Game Collection).

Old Firm from above

Anlässlich des heute gegen alle Widerstände durchgewunkenen DFL-Papiers, gibt es nachfolgend ein kleines, nicht mehr ganz aktuelles Video. Sozialpsychologe Clifford Stott, der sich intensiv mit Fanverhalten und Gewalt bei Fußballspielen auseinandersetzt, spricht hier über eine alternative Polizeitaktik, mit der zu einer friedlicheren Atmosphäre rund um Fußballspiele beigetragen werden kann. Vielleicht wäre diese Taktik ja auch hierzulande mal eine Überlegung wert, wenn man tatsächlich etwas zur Sicherheit der Zuschauer beitragen will. Diese scheint nämlich erstaunlicherweise nicht höher zu werden, je mehr behelmte Polizeikräfte man einsetzt.

Dark Demon’s Souls 2

Es ist immer gut, intelligente Leute in der eigenen Timeline zu haben. Sie stellen die Fragen, die man sich selber stellt, und liefern auch gleich die passenden Antworten. Twitter gut.

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